Familiensache mit der Natur im Einklang

par Sophie Dürrenmatt, Coopzeitung Aktualität

Das Walliser Weinhaus Germanier ist auf vieles stolz. Auf seine Geschichte, auf die Weine, das grosse Wissen um die Kelterung. Und darauf, auch Bio-Weine herzustellen.


Sie sind zu zweit. Zwei Wein- bauingenieure. Zwei Männer mit Leidenscha­ und Herzblut. Zwei Überzeugungstäter, die das Walliser Weingut Jean-René Germanier so wenig aus den Augen lassen wie andere die Milch auf dem Herd. Jean-René Germanier (58) und Gilles Besse (51), Onkel und Neffe, verkörpern die dritte und vierte Generation von Weinbauern auf dem 1896 gegründeten und sich im Familienbesitz befindlichen Weinguts. Hier werden seit einigen Jahren auch Bio-Weine produziert. «Aus den 7000 Quadratmetern Amigne-Reben haben wir unseren ersten Bio-Jahrgang gekeltert. Das war 2013», erzählt Gilles Besse stolz.

Teure Handarbeit
Nicht weniger als 25 Hektaren, verteilt auf die Gemeinden Vétroz und Vollèges, sind bereits biozertifiziert oder werden gerade zu Bio-Flächen umgewandelt: «Für die Umstellung eines sogenannten konventionellen Weinbergs in einen BioWeinberg braucht man drei Jahre», erläutert Jean-René Germanier. «Tatsächlich arbeiten wir zwar auf unserem gesamten Gut – also auf 50 Hektaren – nur mit Bio-Produkten, doch nur die Häl­fte der Fläche ist zertifiziert.» Denn aufgrund seiner besonderen geografischen Bedingungen strotzt der Kanton Wallis geradezu vor Weinbergen, deren Anbaufläche in viele kleine Flächen zersplittert ist. Da in diesem Fall nur Arbeit von Hand möglich ist, wäre der Aufwand gigantisch. «Die Produktionskosten würden explodieren, das wäre finanziell nicht mehr tragbar. Daher bevorzugen wir für die Bio-Weine Anbauflächen einer gewissen Grösse, damit wir den Boden maschinell bearbeiten können.» Allerdings scheint es, dass die Technologie in Kürze auch das biologisch zertifizierte Arbeiten auf kleinen Flächen ermöglichen wird, da «Maschinen im Stil der solarbetriebenen Rasenmähroboter auch zum Lockern des Bodens auf den Markt kommen werden. Das wäre ein grosser Fortschritt, der uns erlauben würde, komplett auf Bio umzustellen», so Gilles Besse. Warum die Entscheidung für den Bio-Ansatz? «Es geht um die Würdigung unserer Arbeit. Weil wir schon seit vielen Jahren nach den Grundsätzen des integrierten Pflanzenschutzes arbeiten, wollten wir jetzt einfach den nächsten Schritt gehen», betonen die beiden Weinbauern. «Das ist eine Frage des Vertrauens.» Insektizide kommen im Wallis ohnehin nur noch sehr geringfügig zum Einsatz, doch wie sieht es mit Fungiziden aus? «Im Bio-Bereich werden die natürlich nicht eingesetzt. Das steht mit der
Zertifizierung eindeutig fest.» Denn man muss anerkennen: Bio-Weine boomen neuerdings. «Die Konsumenten sind sensibler geworden. Bio hat immer eine gewisse Nachfrage bedient, doch die war eher marginal. Inzwischen explodiert sie geradezu.» Doch wie wirkt sich die Umstellung von konventionell auf Bio auf den Ertrag aus? «In den ersten Jahren, bis die Umstellung vollzogen ist, ist es etwas weniger. Ansonsten muss man vor allem bei einem heissen Sommer aufpassen, dass es durch das Gras, das zwischen den Reben wächst, zu keiner allzu grossen Wasserkonkurrenz kommt.»


Vétroz, das Herz der Amigne
Es ist unmöglich, von Vétroz zu sprechen, ohne zugleich an seine typischste Rebsorte zu denken: die Amigne. «Vor 30 Jahren habe ich darum gekämp, sie wieder populär zu machen», erklärt Germanier. «Unsere lokale Identität stand auf dem Spiel. Damals gab es im ganzen Wallis nur noch 18 Hektaren
Amigne, davon 12 in Vétroz. Heute sind es im Wallis wieder 30 Hektaren.» Für den Amigne de Vétroz AOC Valais wurde übrigens auch eine eigene Qualitätseinstufung eingeführt, die den Süssegrad mithilfe von Bienensymbolen auf der Flasche angibt: eine Biene heisst trocken (0–8 g/l Restzucker), zwei Bienen bedeuten halbsüss (9–25 g/l Restzucker) und drei Bienen stehen für einen süssen Amigne (mehr als 25 g/l Restzucker). So weiss der Konsument Bescheid. Praktisch.

Von der Bühne in den Weinberg
Mit 800 000 Flaschen, rund 20 Mitarbeitenden und 50 von insgesamt 160 Hektar Rebland in Eigenbewirtscha­ung, ist das Weingut Jean-René Germanier eine echte Grösse im Walliser Weinbau. «Unser Angebot ist in den letzten Jahren von 10 auf 30 Weine gewachsen, darunter sind drei Bio-Weine. In diesem Bereich braucht man Kreativität», sagt Gilles Besse und lacht. «So etwas wie eine Künstlerseele, um etwas zu unternehmen, zu wagen, um zu überraschen.» Der 51-Jährige, der sich einst einer Musikerkarriere verschrieben hat e, weiss, wovon er spricht. «Ich habe Saxofon in
einer Band gespielt, die sich ‹Les tontons flingueurs› (zu Deutsch: Die GangsterOnkel) nannte.» Sie seien in vielen alternativen Lokalen in der Romandie, aber auch in Berlin, Barcelona und Paris aufgetreten. «Der Höhepunkt war ein Konzert am Paléo-Festival im Jahr 1992.» Erst mit 24 entschied er sich für die Arbeit als Önologe und dafür, bei seinem Onkel einzusteigen. «Das habe ich nie bereut, und mein Tatendrang ist noch heute ungebrochen.» Für Jean-René Germanier gab es nie eine Alternative zum Weinbau: «Im Gegensatz zu Gilles hat e ich nie andere Ambitionen. Und heute, mit dem BioWein, stehen wir wieder vor ganz neuen Herausforderungen. Spannend, nicht wahr? ».

 

SOPHIE DÜRRENMATT, Coopzeitung
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